Der Fall Pöffel

Arbeitsvertrag

Ein Duell zweier Arbeitnehmer in einem Zeitungsverlag, das für den einen mit der völligen Vernichtung seiner Existenzgrundlage, für den anderen mit einer tödlichen Revolverkugel endet.

Die außerordentliche Redaktionssitzung im "Neuen Wiener Journal" am Nachmittag des 12. März 1925 verlief äußerst stürmisch und turbulent. Bruno Wolf, Betriebsratsobmann und leitender Lokalredakteur des Blattes hatte sie einberufen. Anlass war, wie schon des Öfteren, ein für den Journalismus und das Pressewesen der Zeit typisches Problem, die Verbindung, besser Trennung, von Geschäft und Nachricht, von bezahlten und daher tendenziösen Anzeigen und Artikeln zu objektiven, redaktionellen Meldungen.

Naturgemäß werden gute Anzeigenkunden und Finanziers generell nicht mit für sie negativen Meldungen gequält. Und dass Nachrichten und die Art, wie und ob sie gebracht werden, profitabel sein können, war auch damals schon keine neue Erkenntnis. In derartig wirtschaftlich labilen Zeiten aber musste das Problem besonders virulent werden, die Grenzen von professionell Erklärbarem zu kriminellem Verhalten, zu Betrug und Erpressung, fließend. Wie sehr sich mit gelenkten Nachrichten ganze Industrie-Imperien aufbauen ließen, zeigte das Beispiel des österreichisch-ungarischen Spekulanten Imre Békessy, dessen Machenschaften Karl Kraus zuerst bekämpft und dann zu Fall gebracht hatte.

Auch das neue Wiener Journal, schon vor der Jahrhundertwende als "gehobene" Boulevardzeitung gegründet und durchaus erfolgreich, hatte diesbezüglich keinen guten Ruf. Die Arbeiterzeitung hatte sie mehrmals unwidersprochen der Korruption beschuldigt. Für Karl Kraus war der Herausgeber Jacob Lippowitz ein direkter Nachfolger Békessys, ein "Krämer, der glaubte, sich für sein Geld alles, auch jede Feder, kaufen zu können." Kaum eine Nummer der Fackel ohne "Geschichten von Lippowitz".

Daher musste die Zeitung, zumindest nach außen hin, alles tun, um die Glaubwürdigkeit seiner Redaktion zu verteidigen, allen voran der Betriebsratsobmann Bruno Wolf, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit vom notwendigen Ethos des Journalisten und von der moralischen Verantwortung der Presse und der Unvereinbarkeit von Kommerz und Nachricht sprach. Daher musste er auch entschieden auftreten, als ein einschlägiger Fall in der eigenen Redaktion ruchbar wurde:

Der erst seit einem Jahr im Dienst stehende Redakteur der volkswirtschaftlichen Abteilung Oskar Pöffel hatte angeblich nicht nur Gefälligkeitsartikel für Inseratenkunden geschrieben und veröffentlicht, was nicht unüblich und nicht unmoralisch war, sondern darüber hinaus bei potenziellen Kunden direkt um Anzeigen geworben, mit dem Hinweis auf redaktionelle Ergänzungen im Text oder unter Androhung unvorteilhafter Meldungen zu Inseraten genötigt.

Dabei habe Pöffel aber durchaus auch für sich selbst und die eigene Tasche, und nicht nur für die Kasse seiner Zeitung gearbeitet, sich, nach den Worten des Betriebsratsobmanns bestechen lassen und, schlimmer noch, Kunden erpresst.

Überhaupt war ihm Pöffel suspekt, da dieser angeblich nicht wegen seiner journalistischen Fähigkeiten oder sachlichen Kompetenz zu seinem Posten gekommen war, den auch er, Wolf, selbst gerne gehabt hätte, sondern aufgrund einer Anweisung "höherer Stellen", wohl eines Wirtschaftsunternehmens oder einer dem Blatt verbundenen Bank. Auch Pöffels sichtbare Erfolge waren verdächtig. Warum konnte er sich eines der damals noch seltenen Statussymbole, ein privates Automobil, leisten? Und die von vielen begehrte Sekretärin des Chefs hatte ihn auch nicht wegen seines schönen Äußeren schon nach wenigen Wochen geehelicht. [...]

 

Informationen im Internet:

Wikipedia-Artikel über das 'Neue Wiener Journal'

Hörprobe (6:36)
"Arbeitsvertrag: Der Fall Pöffel"
aus der Reihe "Mordsarbeit"
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Downloadmöglichkeiten

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Credits

Henner Kotte, Jahrgang 1963, ist ein in Leipzig lebender und arbeitender Autor, Redakteur, Moderator, Regisseur, Theaterkritiker und Stadtführer. Er ist vor allem für seine in Leipzig spielenden Kriminalromane bekannt geworden.

Christian Lunzer wurde 1943 geboren und lebt als Buchhändler und Verleger in Wien. Er war Lehrbeauftrager für Publizistik an der Donau-Universität Krems und hat sich auch als Sachbuchautor einen Namen gemacht.

Claus Vester, 1963 in Düsseldorf geboren, sammelte bereits während seines Studiums erste Erfahrungen in der freien Münchner Theaterszene und bei einem Tourneetheater. Neben seiner Arbeit als Hörbuch-Regisseur steht er seit einigen Jahren auch als Sprecher zahlreicher Hörbuch-Produktionen vor dem Mikrofon.

 

Enthalten im Hörbuch (Audio-CDs):

Mordsarbeit

Henner Kotte, Christian Lunzer, Claus Vester (Spr.)
Wenn Kollegen Mörder werden...
4 CDs, ungekürzte Lesung, ca. 274 Min.
2012, cc-live

19,95 €
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